Stoffe und Produkte
Wirkungen von Stoffen auf Mensch und Umwelt
Das potenzielle Risiko von chemischen Stoffen und ihren Abbauprodukten für den Menschen und die Umwelt ist seit Jahrzehnten ein Dauerthema. Regelmäßig geraten neue Stoffe oder Wirkungen in das Blickfeld der öffentlichen Debatte. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel TBT (Tributylzinn), bromierte Flammschutzmittel oder Phthalate vor allem wegen ihres möglichen Einflusses auf das Hormonsystem diskutiert. Ein Grund für eine veränderte Risikowahrnehmung sind Erfahrungen aus der Vergangenheit, in denen sich erst nach jahrzehntelangen Anwendungen von bestimmten Verbindungen eine schädigende Wirkung für Organismen gezeigt hat. Außerdem können aufgrund von verbesserter Analysemethoden inzwischen viele Chemikalien, die in die Umwelt gelangen (Umweltchemikalien), in verschiedensten Medien und auch im Menschen nachgewiesen werden. Dies bestärkt die Sorge, dass Chemikalien nicht nur zur Verbesserung der Lebensqualität und der Gesundheit beitragen, sondern auch Mensch und Umwelt bedrohen können. Laut Umfrage bewerten etwa 93 % der Europäer Chemikalien als maßgebliches Umweltproblem, welches ihre Gesundheit gefährdet.
Wesentliche Kriterien für die Risikobewertung von synthetischen Stoffen sind neben der Toxizität die Art und Quantität der Freisetzung und das Verhalten dieser Stoffe in der Umwelt beziehungsweise in Organismen. Chemikalien gelangen aus verschiedensten Quellen, wie zum Beispiel aus der direkten Anwendung in Landwirtschaft, Industrie und Haushalt, über unterschiedlichste Pfade in die Umwelt. Vom Menschen können sie unter anderem über den Verzehr kontaminierter Lebensmittel, über das Trinkwasser oder über die Luft aufgenommen werden.
Beim Verhalten von Chemikalien in der Umwelt sind ihre Persistenz und ihre Akkumulationsfähigkeit wesentlich. Gerade lipophile, schwer abbaubare Substanzen, die gut ins Fettgewebe eingelagert werden, können sich innerhalb der Nahrungskette anreichern. Unbestritten ist dieses Problem bei Stoffen, bei denen eine toxische Wirkung nachweislich vorhanden ist. Schwieriger ist dagegen die Einschätzung, wie mit Chemikalien umgegangen werden soll, welche die beschriebenen inhärenten Eigenschaften (Persistenz, Bioakkumulation) besitzen, über deren Wirkungen auf den Menschen und andere Biota bisher aber noch sehr wenig bekannt ist.
Bei der Wirkung von Umweltchemikalien spielt die akute Toxizität für Mensch und Biota heutzutage in den meisten Fällen eine untergeordnete Rolle, da die in den verschiedenen Medien gefundenen Stoffkonzentrationen und die vom Menschen aufgenommenen Konzentrationen dafür meist viel zu gering sind. Aus diesem Grunde kommt der chronischen Exposition im Niedrigdosisbereich eine weit höhere Bedeutung zu. Mögliche Wirkungen, die in diesem Fall eine Rolle spielen, sind die Kanzerogenität und die Wirkung auf das Immun- oder Hormonsystem (Endokrinum) (SRU 2004).
Chemische Substanzen unterliegen vielfältigen rechtlichen Anforderungen, die bis zum Verbot reichen können. Beispiele für Regelwerke mit einem Zulassungsverfahren und Anwendungseinschränkungen sind die Regelungen zu Arzneimitteln, Bioziden, Pestiziden und Kosmetika.
Außerdem ist mit Wirkung vom 1. Juni 2007 die europäische Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH-VO) in Kraft getreten. Übergreifendes Ziel von REACH ist es, den Umgang mit chemischen Substanzen nachhaltig zukunftsfähig und verantwortlicher für Mensch und Umwelt auszugestalten. Das Konzept von REACH verbindet die Erfahrungen über Stärken und Schwächen bisheriger Regulierungen und kann die bestehenden Wissensmängel mindern oder sogar ausgleichen. Durch REACH werden Informationen zu Eigenschaften chemischer Substanzen generiert, die für andere Regelwerke, zum Beispiel den Arbeitsschutz und die Produktionssicherheit, benötigt werden.
Weiterführende Literatur:
Umweltgutachten 2008 "Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels": Tz. 721, 745
Umweltgutachten 2004 "Umweltpolitische Handlungsfähigkeit sichern": Tz. 958 ff.
Stellungnahme Nr. 12, 2007 "Arzneimittel in der Umwelt"
Medienbeiträge:
Beitrag des SRU für die Konsultation zu einem europäischen Nano-Aktionsplan 2010-2015
Vor- und Nachteile nanotechnologischer Produkte (Interview Prof. Dr. Heidi Foth)
MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK - Sendung: Hauptsache Gesund vom 14.01.2010
24. Trierer Kolloquium zum Umwelt- und Technikrecht, 31. August bis 2. September 2008:
Nanotechnologie als Herausforderung für die Rechtsordnung (Vortrag Prof. Dr. Christian Callies)

