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Chemikalien

Das potenzielle Risiko von Chemikalien und ihren Abbauprodukten für den Menschen und die Umwelt ist seit Jahrzehnten ein Dauerthema. Regelmäßig geraten neue Stoffe oder Wirkungen in das Blickfeld der öffentlichen Debatte. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel TBT (Tributylzinn), bromierte Flammschutzmittel oder Phthalate vor allem wegen ihres möglichen Einflusses auf das Hormonsystem diskutiert. Stoffe mit ganz neuen Eigenschaften sind Nanomaterialien. Ihre Wirkungen auf Mensch und Umwelt werfen noch viele Fragen auf. Ein Grund für eine veränderte Risikowahrnehmung sind Erfahrungen aus der Vergangenheit. Dabei zeigte sich häufig erst nach jahrzehntelangen Anwendungen von bestimmten Chemikalien eine schädigende Wirkung für Organismen. Außerdem können aufgrund von verbesserter Analysemethoden inzwischen viele Chemikalien, die in die Umwelt gelangen (Umweltchemikalien), in verschiedensten Medien und auch im Menschen nachgewiesen werden. Dies bestärkt die Sorge, dass Chemikalien nicht nur zur Verbesserung der Lebensqualität und der Gesundheit beitragen, sondern auch Mensch und Umwelt gefährden können. Laut Umfrage bewerten 51 % der Deutschen die Gesundheitsbelastung durch den Einsatz von Chemikalien in alltäglichen Produkten als ein maßgebliches Umweltproblem.

Wesentliche Kriterien für die Risikobewertung von Chemikalien sind neben der Toxizität die Art und Quantität der Freisetzung und das Verhalten dieser Stoffe in der Umwelt beziehungsweise in den Organismen. Chemikalien gelangen aus verschiedensten Quellen, wie zum Beispiel aus der direkten Anwendung in Landwirtschaft, Industrie und Haushalt, sowie über unterschiedlichste Pfade in die Umwelt. Vom Menschen können sie unter anderem über den Verzehr kontaminierter Lebensmittel, über das Trinkwasser oder über die Luft aufgenommen werden.

Beim Verhalten von Chemikalien in der Umwelt sind ihre Persistenz (d.h. die Stoffe werden nicht abgebaut) und ihre Akkumulationsfähigkeit in Biota (d.h. die Stoffe reichern sich z.B. im Fettgewebe von Organismen an) wesentlich. Gerade lipophile, schwer abbaubare Substanzen, die gut ins Fettgewebe eingelagert werden, können sich innerhalb der Nahrungskette anreichern. Dies ist vor allem ein Problem bei Stoffen, bei denen eine toxische Wirkung nachweislich vorhanden ist. Schwieriger ist dagegen die Bewertung des Risikos bei Chemikalien, die die beschriebenen inhärenten Eigenschaften (Persistenz, Bioakkumulation) besitzen, über deren Wirkungen auf den Menschen und andere Biota bisher aber noch sehr wenig bekannt ist. Aus Vorsorgegründen sollten so wenig Stoffe wie möglich in die Umwelt gelangen.

Die akute Toxizität für Mensch und Biota spielt bei der Wirkung von Umweltchemikalien heutzutage in den meisten Fällen eine untergeordnete Rolle, da die in den verschiedenen Medien gefundenen Stoffkonzentrationen und die vom Menschen aufgenommenen Konzentrationen dafür meist viel zu gering sind. Aus diesem Grunde kommt der chronischen Exposition im Niedrigdosisbereich eine weit höhere Bedeutung zu. Mögliche Wirkungen, die in diesem Fall eine Rolle spielen, sind die Kanzerogenität und die Wirkung auf das Immun- oder Hormonsystem (Endokrinum) (SRU 2004).

Chemikalien unterliegen vielfältigen rechtlichen Anforderungen, die bis zum Verbot reichen können. Seit 2007 gilt für sie die europäische Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH-VO). Übergreifendes Ziel von REACH ist es, den Umgang mit chemischen Substanzen nachhaltig zukunftsfähig und verantwortlicher für Mensch und Umwelt auszugestalten. Durch REACH werden Informationen zu Eigenschaften chemischer Substanzen generiert, die für andere Regelwerke, zum Beispiel den Arbeitsschutz und die Produktionssicherheit, benötigt werden. Für Arzneimittel, Biozide, Pestizide und Kosmetika gibt es jeweils eigene Regelwerke mit Zulassungsverfahren und Anwendungseinschränkungen.

(Stand Dezember 2014)

Gutachten des SRU zum Thema Chemikalien:

Umweltgutachten 2016, Kap. 6: Verbesserter Schutz der Biodiversität vor Pestiziden
Umweltgutachten 2012 „Verantwortung in einer begrenzten Welt“, Kapitel 10 „Medienübergreifendes Monitoring“, dort die Abschnitte 10.3.4 und 10.3.5
"Vorsorgestrategien für Nanomaterialien", Kurzfassung für Entscheidungsträger, 2011
Sondergutachten "Vorsorgestrategien für Nanomaterialien, 2011
Umweltgutachten 2008 "Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels": Kapitel 8, Tz. 721 und 745
Stellungnahme Nr. 12, "Arzneimittel in der Umwelt", 2007
Umweltgutachten 2004 "Umweltpolitische Handlungsfähigkeit sichern": Tz. 958 ff.
Stellungnahme Nr. 8, "Die Registrierung von Chemikalien unter dem REACH-Regime - Prioritätensetzung und Untersuchungstiefe", 2005

Medienbeiträge:

Precautionary Principle and Nanomaterials: REACH Revisited (Prof. Dr. Christian Callies, Heidi Stockhaus), JOURNAL FOR EUROPEAN ENVIRONMENTAL & PLANNING LAW, 2012
Deutschlandradio: Klein, aber gefährlich? Risiken durch Nanopartikel, 2012
Beitrag des SRU für die Konsultation zu einem europäischen Nano-Aktionsplan 2010-2015, 2010
24. Trierer Kolloquium zum Umwelt- und Technikrecht, Nanotechnologie als Herausforderung für die Rechtsordnung (Vortrag Prof. Dr. Christian Callies), 2008


 


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